Gram-negative MRE

Eine zunehmende Bedrohung im Gesundheitswesen stellen heutzutage eine Reihe Gram-negativer Bakterien mit gehäuften Resistenzen dar. Nach aktuellen Resistenzstatistiken weisen diese Erreger über die letzten Jahre unter allen MRE die höchsten Zuwachsraten auf. Es sind dies vor allem Enterobakterien wie E. coli und Klebsiella spp. sowie Nonfermenter wie Pseudomonas aeruginosa und Acinetobacter baumannii, und es handelt es sich um eine Vielzahl unterschiedlicher Resistenzmechanismen, die meist mehrere Antibiotikaklassen betreffen und die zumindest teilweise einem regen Austausch zwischen verschiedenen Bakterienarten unterliegen. Dadurch können nicht nur multiresistente Erreger selbst von einem auf den nächsten Patienten übertragen werden, sondern auch die eigentlichen Resistenzgene, die dann wiederum von den zur normalen Flora des Patienten gehörenden Bakterien eingebaut werden. Unter einer dafür nicht ausgerichteten antibiotischen Therapie können diese Keime sich dann ungehindert vermehren und zu Infektionen (z.B. der Harnwege, von Wunden etc.) führen.

Eine besondere Publicity im medizinischen Umfeld haben in den letzten Jahren die sogenannten ESBL-Bildner erfahren. Hinter dem Überbegriff „ESBL“ verbergen sich allerdings eine große (und noch wachsende) Menge an verschiedenen Resistenztypen. Insgesamt handelt es sich um Bakterien (meist E. coli und Klebsiellen), die durch bestimmte Enzyme (β-Lactamasen) in der Lage sind, fast alle β-Lactam-haltigen Antibiotika (Penicilline, Cephalosporine, in Ausnahmefällen auch Carbapeneme) zu spalten und so wirkungslos zu machen. Daher kommt der Begriff Extended Spectrum β-Lactamasen (ESBL), der das weite Spektrum der betroffenen Antibiotika verdeutlichen soll. Häufig weisen diese Keime auch noch Resistenzen gegen andere Antibiotikaklassen auf, z. B. gegen Fluorchinolone und/oder Aminoglykoside. Daher lässt sich mit Recht von multiresistenten Erregern sprechen.

Eine weitere Gruppe der β-Lactamasen, die vor allem bei Pseudomonaden, zunehmend aber auch bei Enterobakterien anzutreffen ist, stellt die Klasse der Metallo-β-Lactamasen (MBL) dar. Die in Europa noch seltenen MBL sind im Jahr 2010 einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden, als im Rahmen des vor allem in England gängigen Medizintourismus in den indisch-pakistanischen Raum eine bestimmte MBL, die New Delhi Metallo-β-Lactamase (NDM-1), ihren Weg unter anderem nach Europa gefunden hat. Seither sind bereits mehrere Patienten an Infektionen mit NDM-1 tragenden Bakterien, in diesem Fall Acinetobacter baumannii, gestorben, denn für diese Erreger existieren (fast) keine wirksamen Antibiotika mehr.

Fazit: Multiresistente Gram-negative Erreger stellen durch ihre zunehmende Verbreitung und aufgrund des Fehlens neuer, wirksamer antibiotischer Substanzen eine besondere infektiologische Bedrohung dar, der nach bisherigem Kenntnisstand maßgeblich durch strikte Einhaltung von Hygienemaßnahmen aller im Gesundheitswesen Beteiligter und einen rationalen, optimierten Antibiotikaeinsatz entgegen gewirkt werden kann. Einheitliche Stellungnahmen zu den Themen Screening, Isolierung und Sanierung, wie dies bei MRSA der Fall ist, gibt es für diese MRE-Gruppe derzeit nicht.

 

 

Weiterführende Literatur über ESBL

 

Paterson, Bonomo, Extented-spectrum beta-lactamases: a clinical update, Infectious Disease Division, University of Pittsburgh Medical Center, Pittsburgh, Pennsylvania, Clin Microbiol Rev 2005 Oct;18(4):657-86

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC1265908/

 

Falagas, Karageorgopoulos, Extended-spectrum beta-lactamase-producing organisms, J Hosp Infect. 2009 Dec;73(4):345-54. Epub 2009 Jul 10.

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/19596491